|

In vollen Zügen

[an meine Frau]
Unzählige Leute sitzen in Zügen,
suchen den Platz, der ihnen gefällt.
Einige haben den Sitzplatz bestellt 
und andere lügen.

Wir sitzen schon lange im selben Abteil,
seit nunmehr zwölf Jahren Seite an Seite,
genießen die Nähe beim Blick in die Weite,
die Tür ist verschlossen derweil.

Du hast alles liebevoll hergerichtet,
zwei Lebensläufe wurden sachte verleimt
und seit uns ein eigener Morgenstern scheint,
wird uns das Bild dieser Welt neu belichtet.

Genau wie die Landschaft vergeht auch die Zeit
und wandert uns beiden durch das Gesicht,
dein Antlitz ändert es aber nicht,
ein Knopf bleibt ein Knopf, altersbefreit.

Unzählige Leute sind ständig am Streben,
ein besserer Platz, als der, den man hat,
seit ich dich fand, hab’ ich es satt
und bleibe – für immer – hier leben!
[2015]

Ähnliche Beiträge

  • |

    80 Jahre

    (an Bernhard v. d. Pütten)Es ist an der Zeit eine Pause zu machenund sich zu erinnern, was denn geschah,über die Faxen von damals zu lachenund sich zu bedanken, für jedes Jahr. Noch einmal seine Geschichten erzählen,nochmals erleben, wie es denn war,die Schiffe, das Meer und Matrosenseelenund sich zu bedanken, für jedes Jahr. Es ist an…

  • Schweigen im Walde

    Sie schweigen beim Gang durch die Wälderund zeigen die Maschinerieund schneiden sich Wege für Gelderder Holz- und Papierindustrie. Sie treiben die Ketten in Rinde,dann neigen die Kronen sich abund leiden im elenden Winde.Sie weiden hier fast jeden Tag. Es wird keine Eingabe geben,weil keiner vor Ort sie hier schreibt,der Wald protestiert nicht mit Reden,ist keiner,…

  • Jähnichen altert

    [an den Künstler Uwe Jähnichen]Seiner einer wird ein Jährchen älter,ganz unauffällig, am helllichten Tag.Die Knochen sind morscher, die Haut etwas welker,es lügt, wer erzählt, dass er so etwas mag. Seiner einer ist perfekt präpariert.Mit Träumen und Muse steht er im Feld;Soll sie doch kommen, die Zeit, die schon giert,sei leise, dann hörst du, wie sie…

  • |

    Herr

    Herr, vergib mir meine Sünden,hab doch nie an dich gedachtund dann sag, ob sie mich finden,weil sie suchten in der Nacht. Herr, es braucht kein Himmelsgeigeran der güldnen Pforte stehenund kein goldbesetzter Zeiger,muss sich meinethalben drehen; Einen langen leisen Traum,ein ruhiges Bett, ganz ohne Funkeln,und eine Tischlampe im Raum,ich hab’ doch Angst, allein im Dunkeln…[2008]

  • Silvester

    Das Jahr ist um, der Kalender zuende,es ging, wie immer, alles zu schnell,wir nehmen die Zündschnur in unsere Händeund zünden, dann wird der Nachthimmel hell. So stauben wir unsere Vorsätze ab,wir glauben noch immer besessen,schon schrauben wir Korken und essen Salat;Erlauben wir uns das Vergessen! Und draußen, knallen die Leute wie blöde,drinnen, lallen die anderen…