|

In vollen Zügen

[an meine Frau]
Unzählige Leute sitzen in Zügen,
suchen den Platz, der ihnen gefällt.
Einige haben den Sitzplatz bestellt 
und andere lügen.

Wir sitzen schon lange im selben Abteil,
seit nunmehr zwölf Jahren Seite an Seite,
genießen die Nähe beim Blick in die Weite,
die Tür ist verschlossen derweil.

Du hast alles liebevoll hergerichtet,
zwei Lebensläufe wurden sachte verleimt
und seit uns ein eigener Morgenstern scheint,
wird uns das Bild dieser Welt neu belichtet.

Genau wie die Landschaft vergeht auch die Zeit
und wandert uns beiden durch das Gesicht,
dein Antlitz ändert es aber nicht,
ein Knopf bleibt ein Knopf, altersbefreit.

Unzählige Leute sind ständig am Streben,
ein besserer Platz, als der, den man hat,
seit ich dich fand, hab’ ich es satt
und bleibe – für immer – hier leben!
[2015]

Ähnliche Beiträge

  • Quersumme eins

    [an Opa Gerhard zum 75. Geburtstag]Nicht mehr als zwölf, nimmt man die Summe quer,in Wirklichkeit gut sechsmal so viel,Hundert hat man, wären es Fünfundzwanzig mehr,die sind zu schaffen, wenn man will. Zahlen sind nüchtern und je nach Beliebengroß oder klein;900 Monate, 27000 Tage schon hier gebliebensind kaum acht Jahrzehnte – darauf lässt man sich ein….

  • Schiefer Raum

    (an Uwe Jähnichens´ schiefe Küche)Mehr Bewegung geht nicht in der Statik.Alles steigt oder fällt, ganz konsequent.Rebellion gegen Gerade, zu artigsein, ist zuweilen hier fremd. Der Kompass dreht durch und die Wahrnehmung nebelt,orientierungslos kämpft der Verstand,in seinem Drang nach Ausgleich geknebelt,nivelliert er vergeblich die steigende Wand. Kinetik im Stillstand, Phonetik der Dinge,Rechtwinkligkeit ist stets Konvention.Zerschneide die…

  • |

    Ein Maler

    Er war wohl nur ein Maler, der überraschend starb,kein guter Steuerzahler laut Quellen im Senat.Es lief der Kellerzähler, das Licht schien Nacht und Tag,da er längst einem Fehler im Herzmuskel erlag. Und unbemerkt von allen, glitt er so einsam fort,wie zwischen lautem Schallen als leiser Moll – Akkord.Vom Leben nichts geblieben, am Ende nur ein…

  • Relative Schadensbilanz

    (da bleibt das Positive, Herr Kästner!)Unsere Zeit hat viele Kanten und Eckenund manch’ ein Lachen bleibt im Halse uns Stecken.Mit theatralisch toter Ironieersticken dann die, die nicht am Schwefel lecken. Moralisch einwandfrei zu lebenund ferner so das Totenbett besteigenund noch ferner darauf auch etwas zu geben,das leisten sich heute nur noch die Feigen. Wir sind…

  • |

    Ja, ja, die gute alte Zeit

    [an meine Mitschüler zum Ende der Schulzeit]Wir kennen uns tatsächlich lange,nur um nicht zu sagen gut,von damals aus der Essenschlange,als man noch so kleine strammeEssenmarken mit sich trug. Wir lernten schnell die Lehraufgaben,statt zu lösen, zu umgehenund hatten so, an solchen Tagen(Lehrer nannten es Betragen)lauter schlechte Noten stehen. Wir liegen in den letzten Zügen,die schon…