|

In vollen Zügen

[an meine Frau]
Unzählige Leute sitzen in Zügen,
suchen den Platz, der ihnen gefällt.
Einige haben den Sitzplatz bestellt 
und andere lügen.

Wir sitzen schon lange im selben Abteil,
seit nunmehr zwölf Jahren Seite an Seite,
genießen die Nähe beim Blick in die Weite,
die Tür ist verschlossen derweil.

Du hast alles liebevoll hergerichtet,
zwei Lebensläufe wurden sachte verleimt
und seit uns ein eigener Morgenstern scheint,
wird uns das Bild dieser Welt neu belichtet.

Genau wie die Landschaft vergeht auch die Zeit
und wandert uns beiden durch das Gesicht,
dein Antlitz ändert es aber nicht,
ein Knopf bleibt ein Knopf, altersbefreit.

Unzählige Leute sind ständig am Streben,
ein besserer Platz, als der, den man hat,
seit ich dich fand, hab’ ich es satt
und bleibe – für immer – hier leben!
[2015]

Ähnliche Beiträge

  • Jähnichen altert

    [an den Künstler Uwe Jähnichen]Seiner einer wird ein Jährchen älter,ganz unauffällig, am helllichten Tag.Die Knochen sind morscher, die Haut etwas welker,es lügt, wer erzählt, dass er so etwas mag. Seiner einer ist perfekt präpariert.Mit Träumen und Muse steht er im Feld;Soll sie doch kommen, die Zeit, die schon giert,sei leise, dann hörst du, wie sie…

  • Schweigen im Walde

    Sie schweigen beim Gang durch die Wälderund zeigen die Maschinerieund schneiden sich Wege für Gelderder Holz- und Papierindustrie. Sie treiben die Ketten in Rinde,dann neigen die Kronen sich abund leiden im elenden Winde.Sie weiden hier fast jeden Tag. Es wird keine Eingabe geben,weil keiner vor Ort sie hier schreibt,der Wald protestiert nicht mit Reden,ist keiner,…

  • | |

    Einmischen

    Hast du dich nie gewundert, dass immer alles stimmt,der Kreislauf der Gezeiten, die Sonne und der Wind,die lange Nahrungskette, die Fliehkraft und der Fall,das Leben im Gesamten, die Rotation im All.Der Mensch beginnt mit Akribie sich sehr zu interessieren,seziert, zerlegt, zerfetzt, zerhacktwarum nun alles so gut klappt. – Solange wir nicht wissen wie,wird es funktionieren.

  • |

    Sein Geschenk

    (zur Geburt von meinem Sohn Theo)Es ist immer dasselbe, es ist außergewöhnlich.Knopfaugen klauben die Bilder der Welt.Der ewige Kreislauf stimmt Zweifler versöhnlich,wir halten behutsam das, was uns hält. Nun sehen wir anders, seit Störche hier landen,verstehen das “Was“ und begehen das “Wie“.Nur weil schon alles gesagt ist,ist längst nicht alles verstanden,wir haben jetzt unsere eigene…