|

In vollen Zügen

[an meine Frau]
Unzählige Leute sitzen in Zügen,
suchen den Platz, der ihnen gefällt.
Einige haben den Sitzplatz bestellt 
und andere lügen.

Wir sitzen schon lange im selben Abteil,
seit nunmehr zwölf Jahren Seite an Seite,
genießen die Nähe beim Blick in die Weite,
die Tür ist verschlossen derweil.

Du hast alles liebevoll hergerichtet,
zwei Lebensläufe wurden sachte verleimt
und seit uns ein eigener Morgenstern scheint,
wird uns das Bild dieser Welt neu belichtet.

Genau wie die Landschaft vergeht auch die Zeit
und wandert uns beiden durch das Gesicht,
dein Antlitz ändert es aber nicht,
ein Knopf bleibt ein Knopf, altersbefreit.

Unzählige Leute sind ständig am Streben,
ein besserer Platz, als der, den man hat,
seit ich dich fand, hab’ ich es satt
und bleibe – für immer – hier leben!
[2015]

Ähnliche Beiträge

  • | | |

    Der Jaguar

    [Reiner Maria Rilkes „Der Panther“ 2.0;auf der Bundesstraße 96, bei Teschendorf]Sein Blick ist vom Vorüberziehn der Streifenso schwer geworden, dass er kaum noch wacht.Ihm ist, als würden alle Zeichen weichen,nur seine Leuchten streifen durch die Nacht. Der tiefe Schluck gewagter Restbelebungdie er vom Energiegetränk bezog,Ist wie die präventive Bitte um Vergebungdie er sich stoisch ins…

  • Relative Schadensbilanz

    (da bleibt das Positive, Herr Kästner!)Unsere Zeit hat viele Kanten und Eckenund manch’ ein Lachen bleibt im Halse uns Stecken.Mit theatralisch toter Ironieersticken dann die, die nicht am Schwefel lecken. Moralisch einwandfrei zu lebenund ferner so das Totenbett besteigenund noch ferner darauf auch etwas zu geben,das leisten sich heute nur noch die Feigen. Wir sind…

  • Mondsehen

    Ich seh’ den Mondam Firmamentund vielleicht schläfst du jetzt.Wie ungewohnt,so weit getrennt,viel mehr, als man so schätzt. Zu dir kann ichleider nicht,so sehr ich mich verbiege;Ich seh’ ihn anund er sieht dichund alles, was ich liebe…[2016]

  • |

    Herr

    Herr, vergib mir meine Sünden,hab doch nie an dich gedachtund dann sag, ob sie mich finden,weil sie suchten in der Nacht. Herr, es braucht kein Himmelsgeigeran der güldnen Pforte stehenund kein goldbesetzter Zeiger,muss sich meinethalben drehen; Einen langen leisen Traum,ein ruhiges Bett, ganz ohne Funkeln,und eine Tischlampe im Raum,ich hab’ doch Angst, allein im Dunkeln…[2008]

  • Unbesiegbar

    Kleine Blume auf der Wiese,stehst so da und lächelst warm,nimmst die Blicke in den Armund du streichelst diese. So zerbrechlich sind die Blüten,die der Stängel tapfer hält,gegen Winde dieser Weltmuss er Schönheit hüten. Tausend kleine Pollen fliegenund sie tragen reiches Gutvoller Tatendrang und Mutund bleiben später liegen. Sie werden neue Wurzeln schlagentief im Erdreich festgekralltdann…