Melancholie des Existenzminimums

Das hatte doch etwas, am Abgrund zu leben,
so ganz ohne Kaufkraft und dinglichen Neid
und alles romantisch, man mochte sich eben
und teilte statt den Millionen die Zeit.

Die Tage sind länger, der Himmel ist blauer,
man hatte die Augen auf Dinge trainiert,
die so ein Weltmensch selbst bei genauer
Betrachtung einfach nicht registriert.

Ein besseres Leben, als eines mit Schmerzen,
als eines, das wehtut, wenn man es lebt,
vorbei an Liquiden und ihren Kommerzen,
die Revolution der einsamen Herzen
soll alles sein, wonach man dann strebt?
ich glaube, sie scherzen.
(Von wegen Freiheitsprivileg!)
[2006]

Ähnliche Beiträge

  • |

    Ertrunken

    Neulich ist jemand ertrunken,obwohl er ein Schwimmer war.Man hörte die Seerettung funken,nur war letztlich keiner mehr da. Neulich ist jemand ertrunken,er konnte schon längst nicht mehr stehen,steingleich zu Boden gesunkenund keiner hat es gesehen. Neulich ist jemand ertrunken,die Lunge war völlig in Takt,es rauscht in den Hafenspelunkenbis eine Schenkentür klappt. Neulich ist jemand ertrunken,Stammgäste kamen…

  • | | |

    Der Jaguar

    [Reiner Maria Rilkes „Der Panther“ 2.0;auf der Bundesstraße 96, bei Teschendorf]Sein Blick ist vom Vorüberziehn der Streifenso schwer geworden, dass er kaum noch wacht.Ihm ist, als würden alle Zeichen weichen,nur seine Leuchten streifen durch die Nacht. Der tiefe Schluck gewagter Restbelebungdie er vom Energiegetränk bezog,Ist wie die präventive Bitte um Vergebungdie er sich stoisch ins…

  • |

    Freundschaft 2.0

    Die Freundschaft ist längst formatiert,sie wartet hinter jedem Klick.Man fragt sie an, sie wird quittiert,je nachdem, wie schnell man drückt. Alles katalogisiert,keine Freundschaft wird vergessenund ein Merksystem notiertGröße, Alter, Lieblingsessen. Und welches Fest sie auch bestreiten,wirklich jeder gratuliert,der Austausch vieler Herzlichkeitenwurde automatisiert. Was bleibt, sind Freunde und zuletztdie Frage, wie man trotzdem trennt,wen man davon…