Vergissmeinnicht

Du hast mich ganz einfach so vergessen,
du siehst mich an und siehst nichts mehr dabei.
Wir haben zeitlebens nebeneinander gesessen.
Was ich jetzt in den Wald rufe, gibt er nie wieder frei.

Du kannst nicht verhindern, dass dir alles entgleitet.
Irgendeine Emotion wäre schon ein großes Geschenk.
Es traf dich nahezu heimlich und völlig unvorbereitet,
wie Wasser im Sieb, zerrinnt, was man kennt.

Manchmal stirbst du förmlich an dem Flickenteppich aus Leben,
dann zerbrechen Teile des alten Bildes, was ich von dir hab‘,
ich halte es fest bei mir, von so viel Angst vor Nichts umgeben.
ich trage verzweifelt, was ich nicht ertrag.

Ich suche sehnsüchtig dich und finde ein unbekanntes Wesen,
dessen Anblick dir gleicht, wie eine Postkarte von dir;
Es steht etwas geschrieben, doch ich kann es nicht lesen
und jede monotone Wiederholung ist neu, so wie wir.

Du bist gegangen und sitzt mir noch immer leibhaftig gegenüber,
ich vermisse jede deiner ganzen Eigenarten doch so sehr.
Langsam ist es Herbst, Vögel fliegen und der Himmel wird noch trüber,
ich würde mich gern von dir verabschieden, doch du hörst mich nicht mehr.
[2012]

Ähnliche Beiträge

  • | | |

    Der Jaguar

    [Reiner Maria Rilkes „Der Panther“ 2.0;auf der Bundesstraße 96, bei Teschendorf]Sein Blick ist vom Vorüberziehn der Streifenso schwer geworden, dass er kaum noch wacht.Ihm ist, als würden alle Zeichen weichen,nur seine Leuchten streifen durch die Nacht. Der tiefe Schluck gewagter Restbelebungdie er vom Energiegetränk bezog,Ist wie die präventive Bitte um Vergebungdie er sich stoisch ins…

  • |

    Freundschaft 2.0

    Die Freundschaft ist längst formatiert,sie wartet hinter jedem Klick.Man fragt sie an, sie wird quittiert,je nachdem, wie schnell man drückt. Alles katalogisiert,keine Freundschaft wird vergessenund ein Merksystem notiertGröße, Alter, Lieblingsessen. Und welches Fest sie auch bestreiten,wirklich jeder gratuliert,der Austausch vieler Herzlichkeitenwurde automatisiert. Was bleibt, sind Freunde und zuletztdie Frage, wie man trotzdem trennt,wen man davon…

  • |

    Vom ersten Tag Oma

    [an Oma Anni]Als ich zur Welt kam, soviel kann ich sagen,musstest du fortan den Titel ertragenOma zu sein und ferner zu bleiben.Das ließ sich seitdem wohl auch nicht mehr vermeiden. Ich mühte mich redlich, mit all meiner Kraftdir deine zu rauben, ich war eben klein,Ich hab’ es zuweilen beinahe geschafftund nie so gemeint, um ehrlich…

  • | |

    Kapitalution

    Die Prämien wuchsen und die Kurse stiegen.Das Geld ausgelagert. Die Welt auf Kredit.Die Konten verschweigen. Bilanzen verbiegen.Die Stechuhr treibt, wie ein Hütehund Ziegen.Die Weltkugel dreht sich, noch spielt die Musik. Die Zeit wird zur App, trotz aller Bedenken,nun rauscht sie mit Hochdruck komplett digital.Die Firmenbosse müssen Ausgaben senkenund suchen nach cleveren Steuergeschenken.Die Erdkugel dreht sich,…

  • |

    Sein Geschenk

    (zur Geburt von meinem Sohn Theo)Es ist immer dasselbe, es ist außergewöhnlich.Knopfaugen klauben die Bilder der Welt.Der ewige Kreislauf stimmt Zweifler versöhnlich,wir halten behutsam das, was uns hält. Nun sehen wir anders, seit Störche hier landen,verstehen das “Was“ und begehen das “Wie“.Nur weil schon alles gesagt ist,ist längst nicht alles verstanden,wir haben jetzt unsere eigene…